Produktion, Übermittlung und Überlieferung

Die Bedeutung von Briefen ist auch in den Formen der Übermittlung und Tradierung ersichtlich. So ist der Brief Teil eines weiter gefassten Kommunikationsgefüges, das etwa auch mündliche Nachrichten und die Übergabe von Geschenken umfassen konnte. Es stellt sich also die Frage nach dem Empfang von Botschaft und deren Überbringer, denn auch briefliche Kommunikation ist vom Kontext abhängig und kann von Kommunikationshindernissen, historischer oder sprachlicher Art, bestimmt sein: So litt Briefwechsel zwischen Papst Gregor und König Rekkared am Ende des 6. Jahrhunderts möglicherweise unter dem Krieg zwischen Toledo und Byzanz.
Die Kenntnis der Korrespondenzen hängt eng mit ihrer Aufbewahrung und Archivierung zusammen. Die Überlieferungsgeschichte von Briefen ist in dieser Hinsicht noch weitgehend unerforscht. Solche Untersuchungen erlauben es, Briefsammlungen im engeren Sinne sowie kohärente Briefcorpora in den Mittelpunkt zu rücken. Ebenso kann nach dem Grad der Einheit der Handschriften und nach der Einbindung von Textanhängen, die als sinnvolle Ergänzungen zu den Briefen angesehen wurden, gefragt werden. Da es sich bei den meisten Briefsammlungen um Zusammenstellungen der Empfänger handelt, ist zu vermuten, dass diese Kompilationen wichtige Vektoren bei der Vermittlung von Briefpraxis waren. Insofern ist gezielt nach dem aktiven wie reaktiven Anteil solcher Sammlungen an der Entwicklung europäischer Briefstandards zu fragen.

Briefe in kanonistischen Sammlungen

Bereits sehr früh wurden Papstbriefe in kanonistischen Sammlungen zusammengestellt, deren Untersuchung die Modalitäten der Übermittlung, Überlieferung und Auswahl von Briefen verdeutlichen kann. Die Collectio Hispana, die einen Großteil der spätantiken Papstbriefe, vereinzelt aber auch frühmittelalterliche Schreiben beinhaltet, zeugt vom Engagement spanischer Kleriker am Beginn des 7. Jahrhunderts, die Orthodoxie und den Primat, den sie dem Bischof von Rom zuerkannten, zu verteidigen. Diese Sammlung, die ursprünglich aus pragmatischen Gründen angefertigt wurde, wird am Ende des 10. Jahrhunderts völlig anders genutzt. Die Sammlung wurde in die wichtigen Codices Vigilanus (Escorial D-I-2) und Emilianensis (Escorial D-I-1) kopiert, mit verschiedenen historiographischen und hagiographischen Texten zusammengebunden und nahm so an einem weiter gefassten Diskurs über das navarresische Königtum und die Kirche teil. Keine andere Kanonessammlung des Frühmittelalters überliefert mehr Papstbriefe. Durch eine diachrone Untersuchung der verschiedenen Fassungen wird es möglich sein, die Mechanismen der Auswahl und Rezeption der Briefe wie auch deren spezifischen Anteil an der Entwicklung des Rechts zu untersuchen.

Gefälschte Briefe

Falsche Briefsendungen, um Gegner zu täuschen, aber auch im Nachhinein gefälschte Briefe, um die Unterstützung einer berühmten Person für die Durchsetzung eigener Forderungen zu suggerieren erschließen den Standpunkt der Fälscher. Sie ermöglichen zudem, die Bedeutung des Briefes und dessen autoritative Kraft aus anderer Perspektive zu erhellen. Die Untersuchung der handschriftlichen Überlieferung ist schließlich eng mit der Untersuchung von Fälschungspraktiken verbunden, wie die Briefe Isidors von Sevilla verdeutlichen: Während die kurzen Briefe an Braulius Teil eines seit dem 9. Jahrhundert klar umgrenzten Corpus sind, der an die Überlieferung der Etymologiae gebunden wurde, so kennen die übrigen Schreiben eine ganz andere handschriftliche Tradition: Die an die Bischöfe Leudefredus und Massona gerichteten Briefe etwa sind in zahlreichen fränkischen Handschriften in unterschiedlichsten Versionen überliefert. Aus dem Rahmen fallen die sehr wahrscheinlich gefälschten Briefe an Claudius, Eugenes, Helladius und Redemptus, die lediglich in späten Handschriftenzeugnissen überliefert sind.
Über das „discrimen veri ac falsi“ hinaus stellt sich dabei die Frage der Vorgehensweise bei der Fälschung der Briefe, der Bedeutung, der der Gattung Brief zugeschrieben wurde, sowie der Referentialität gegenüber einer Vergangenheit, die durch den gefälschten Brief evoziert wird.