Der Erfolg der Gattung Brief (4. bis 7. Jahrhundert)

Die Trennung zwischen Aussage und Äußerung, d. h. eine unabhängige Betrachtung von Inhalt und Form wird aus sprachwissenschaftlicher Sicht grundsätzlich abgelehnt. Insofern stellt auch das Verfassen eines Briefes keine Notlösung, sondern eine meist bewusste Wahl der Form der Äußerung dar, wobei der Texttypus Brief Verbindungen zu anderen Arten von Texten eingehen kann. Neben dem ‚persönlichen‘ Brief gilt es den ‚diplomatischen‘ Brief und das Lehrschreiben (der Traktat, der in Form eines Briefs abgefasst ist) zu untersuchen. Dabei zeigt sich, dass die Gattung des Briefs während der Spätantike und des Frühmittelalters ein vielgestaltiges Genre war, dessen Erfolg sich zu einem großen Teil aus seiner Offenheit erklären lässt.
Der Brief ermöglicht Kommunikation über größere räumliche Entfernungen, über soziale Unterschiede und Generationen hinweg. Trotz der Existenz eines festen Formulars und der teilweise auf den Brieftopos zurückführbaren gewollten Einfachheit des Stils, bietet der Brief in formaler Hinsicht einen Raum für sprachliche Äußerung, in dem Gedanken und Gefühle offenbar freier ausgedrückt werden konnten.

Der Brief als ‚Machtinstrument‘ (8. bis 11. Jahrhundert)

Während die Briefproduktion nach 711 in den Königreichen des iberischen Nordens zurückzugehen scheint, entfaltete sie sich nördlich der Pyrenäen stärker, vor allem unter dem Einfluss der Päpste. Vor allem von den Päpsten des 9. Jahrhunderts wurde der Brief als ein Herrschaftsinstrument verwendet. Sie entwickelten eine eigene Rhetorik, unter anderem auch um ihren Primatsanspruch zu unterstreichen und auf mögliche Konfliktfelder anzuwenden. Zu diesen Briefen des 9. Jahrhunderts wird eine Textanthologie mit repräsentativen Beispielen vorbereitet, in der nach neuesten Editionsprinzipien gearbeitet und eine Kommentierung und Übersetzung der ausgewählten Stücke vorgelegt wird.
Der Brief konnte somit zur Waffe werden. Dies trifft in besonderem Maße auf die Zeit der Gregorianischen Reform zu. In den Diskursen der Weltkleriker, die sich nun mehr und mehr als eigenständige Gruppe innerhalb der Gesellschaft verstanden, geht es vor allem um die Verteidigung ihrer Ideale. Der Historiker vermag aus den Diskursen jene Wandlungsprozesse des 11. Jahrhunderts zu erschließen, die zu einer Veränderung im Gleichgewicht zwischen den Herrschaftsträgern führten. Dieser Bruch der Gregorianischen Zeit äußert sich auch in den neuen Funktionen, die der Korrespondenz von Geistlichen zugewiesen wurden. Bei der Quellenanalyse wird es darum gehen, die funktionalen Veränderungen aber auch das Gewicht des geschriebenen Wortes zu ermessen. Dabei ist ein massiver Anstieg des Briefwechsels im kirchlichen Bereich zu beobachten. Zu untersuchen sind die sich entwickelnden Strategien und die stilistischen Verfahrensweisen, vor allem auf der Iberischen Halbinsel, sowohl für die Papstkorrespondenz ab Alexander II. (1061–1073) als auch für die nun wieder verstärkt einsetzende hispanische Briefliteratur. 

Briefe und Normen

In stilistischer Hinsicht bleibt der Brief an das aus der Antike ererbte Formular gebunden. Die Sammlung der Epistolae wisigothicae bildet ein hervorragendes Beispiel für diese Aufrechterhaltung der Schreibregeln der spätantiken Kanzleien und ihrer Fortentwicklung in Spanien: Die Sprache erscheint in diesen Briefen sehr komplex, vor allem beim Briefverkehr und im diplomatischen Austausch zwischen Byzanz und dem Westgotenreich. In Rom wird das tradierte Formular in die Prozesse der Einflussnahme der päpstlichen ‚Kanzlei‘ und die formale Ausdifferenzierung der Korrespondenz – vor allem in Brief und Privileg – eingebunden. Die Untersuchung der päpstlichen Briefe des 9. Jahrhunderts steht in dieser Hinsicht in Verbindung mit der Frage nach der Kontinuität von ansonsten nicht greifbaren Kanzleistrukturen sowie darüber hinaus der Rechtskultur und der Herrschaftspraxis.
Das Briefformular steht ebenso am Anfang der Entwicklung der mittelalterlichen Urkunde, vor allem der Privaturkunde. Intitulatio, Inscriptio, Salutatio und Schlusswunsch sind hierfür die deutlichsten Kennzeichen, deren Untersuchung in Spanien und vor allem in Portugal noch zu leisten ist.