Die soziale Funktion des Briefes

Die epistola befindet sich an der Schnittstelle zwischen einem antik-paganen sowie christlichen Erbe und vielfältigen Neuerungen, die ihren außergewöhnlichen Aufschwung erklären. Der Brief wird zu einem Ort, an dem sich Individualität und Affektivität des Autors direkt äußern können. Er erweist sich als eine imago animi und als ein „Substitut für die Person“, wie dies in der Nachahmung von Mündlichkeit zum Ausdruck gebracht werden kann. Der Brief wird in einem christlichen Kontext zu einem erstrangigen Instrument der Unterweisung. Das Briefeschreiben entfaltet eine ganz eigene stilistische Kraft, deren religiöse Implikationen grundlegend sind.
Über seine Rhetorik trägt der Brief als Instrument von Machtausübung zur sozialen und institutionellen Hierarchisierung bei. Er ermöglicht zudem eine Vertrautheit, die über einen direkten Kontakt, eine mündliche Ansprache kaum vorstellbar wäre: So werden Beziehungen zwischen Personen von unterschiedlichem sozialen Rang oder aus anderen Lebenswelten überhaupt erst möglich. Der Brief schafft damit einen gesellschaftlichen Freiraum.

Brief-Netzwerke

Aufgrund seiner auf den kommunikativen Austausch ausgerichteten Funktion ist der Brief maßgeblich vom Kontext seiner Ausfertigung bestimmt und steht dabei im Mittelpunkt sozialer Beziehungsgeflechte.
Der Sinn eines Briefes erschöpft sich in der Tat nicht darin, die Ziele politischer Machtausübung zu verdeutlichen: Der Brief selbst ist Bestandteil politischen Handelns. Dies zeigt sich deutlich in der Korrespondenz zwischen Rekkared und Gregor dem Großen, die offensichtlich von dem Ziel geleitet war, die Verbreitung der Regula pastoralis und ihrer Inhalte sicherzustellen.
Die epistola ist von ebenso zentraler Bedeutung für die als Prozess verstandene Konstruktion sozialer Beziehungen, die zum Aufbau umfassenderer Netzwerke führen konnte. So beispielsweise beim Briefwechsel zwischen Braulius und Isidor von Sevilla in Teilen: Hinter einer Fassade von Gefühlsäußerungen zeigt sich ein bischöfliches Netzwerk, dass unter anderem bei der Nominierung von Bischöfen durch den König aktiv wurde. Weitere Netzwerke entstehen im Zusammenhang der Kontroverse um den Adoptianismus, welche die Konkurrenz bzw. Koexistenz zweier unterschiedlicher Ekklesiologien diesseits und jenseits der Pyrenäen aufzeigte und dazu führte, dass die spanische Kirche von der übrigen Kirche in dieser Zeit getrennt war. Briefe wurden dabei zu Trägern der Verurteilung in theologischen Angelegenheiten, zu Instrumenten für die Konstruktion personeller Netzwerke und zu Medien der Unterweisung einer politischen Führungsschicht.

Ambivalente Briefpraxis

Genauso wie der Brief einen Dialog erleichtern oder sogar ersetzen kann, so kann er ebenfalls als kirchenpolitische Waffe zum Einsatz gebracht werden, beispielsweise in der Hand der iberischen Anhänger Papst Gregors VII. Aus der umfangreichen Korrespondenz dieser Zeit werden für das Projekt lediglich die Briefe „gregorianischer Märtyrer“ ausgewählt, um die verschiedenen Stereotypen, die in den Briefen bedient werden, herauszuarbeiten und zu zeigen, inwiefern die angewandten Gewaltformen, denen die Anhänger Gregors zum Opfer fielen, bewusst mit dem Ziel provoziert wurden, Diskurse über die Umsetzung zentraler Ideen hervorzurufen. Auf der Grundlage der kirchlichen Korrespondenzen aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts bis zum Ende des sogenannten Investiturstreits in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts wird daher die Geschichte der Gregorianischen Reform im gewählten Untersuchungsraum in Teilen neu durchdrungen und dabei eine Geschichte „antiklerikaler“ Gewalt geschrieben, die sich als Ergänzung zu den bisher vorgelegten Vergleichsstudien zum französischen Episkopat versteht.