Die Bedeutung der epistola im Frühmittelalter

Die Spätantike gilt als eine Hochphase der Briefliteratur, die einige besonders signifikante Corpora hervorbrachte, vor allem der Kirchenväter. Gleichzeitig veränderte sich das Genre: Auf den theologischen Lehrbrief der Apostelzeit folgte eine breit gefächerte bischöfliche Korrespondenz aus persönlichen Briefen, Lehrschreiben, Synodalbriefen (die die Entscheidungen an Abwesende übermittelten) und Papstbriefen, die später teils als Dekretalen überliefert wurden. Einige dieser Briefe sind schwer einzuordnen, wie zum Beispiel die Schreiben Gregors des Großen an den Westgoten-König Rekkared, in denen der Papst seine Botschaft in eine gefühlsbetonte Rhetorik kleidet. Solche Briefe sind auch von Mönchen und weltlichen Personen überliefert und bilden mitunter umfangreiche Corpora wie etwa die Schreiben des Licinianus von Cartagena, Olibas von Ripoll oder Frothars von Toul.

Die vielfältige Briefpraxis

Die literaturwissenschaftliche Forschung hat eine qualitative Neubewertung der Briefgattung eingeleitet, die vor allem die stilistischen Charakteristika des Briefs in den Fokus rückten. Auf sprachlich-stilistischer Ebene folgt das Briefgenre klar definierten Regeln, in erster Linie der Wahrung eines Formulars. Briefe wurden häufig diktiert und nicht selten von einer anderen Person als dem eigentlichen Urheber verfasst, was zumindest teilweise dessen Gedanken verfälschen konnte. Briefe bedienen sich mitunter sehr unterschiedlicher Sprachniveaus, manchmal sogar in ein und demselben Schriftstück, um die Inhalte durch den Sprachstil zu unterstreichen und sogar mitzutragen.

Der Brief in seinem ‚politischen‘ und sozialen Umfeld

Der Brief ist darüber hinaus ein Machtinstrument: Der ‚politische‘ Brief, der päpstliche Brief im Besonderen, gewinnt mit dem Moment seiner Absendung normativen Wert, der sich im Zuge seiner Überlieferung in Brief- und Kanonessammlungen intensivieren kann. Daher stellt die Aufbewahrung und Tradierung von Briefen einen nicht zu vernachlässigenden Untersuchungsgegenstand dar. Man denke etwa an die Sammlung von Briefen und Gedichten Fulberts von Chartres, die von ihm selbst und seinen Schülern als politischer Traktat zusammengestellt wurden.
Im Sinne einer völlig neuen Herangehensweise wird der Brief auch als Träger gesellschaftlicher Sinnstiftung untersucht: In ciceronianischer Tradition ermöglichten Briefe als amicorum colloquia absentium die Pflege von Freundschaft und die Ausbildung von Netzwerken, in denen das Briefeschreiben dem Verfolgen persönlicher Interessen diente.